Dämmen mit Hanf: Verbauen statt rauchen

Dämmen mit Hanf: Verbauen statt rauchen

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Teaserbild-Quelle: Hempfoods Australia
Dämmen mit Hanf

Für die vielen anstehenden Sanierungen von Gebäuden sind unter anderem leistungsstarke und nachhaltlige Dämmstoffe gefragt. In den Fokus rücken deshalb Dämmungen aus lokalen, nachwachsenden Rohstoffen. Zum Beispiel aus Hanf, der weit mehr ist als «nur» eine weiche Droge.

Die Hanfpflanze ist robust.
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Hempfoods Australia

Einfach im Anbau: Die Hanfpflanze ist robust und kann sich selbst gegen Schädlinge wehren, meist ohne den Einsatz von Hilfsmitteln.

Die Dämonisierung der Hanfpflanze als gefährliche Droge ist Vergangenheit. Längst ist das berauschende Marihuana in einigen Ländern wieder ein legales Rauschmittel, mit verhältnismässig geringem Gefahrenpotenzial, verglichen mit so genannten «harten Drogen» oder Alkohol.

Weit bedeutender aber ist der Vormarsch der Hanfnutzung in der Industrie und im Bauwesen. Nachdem die Pflanze lange Zeit nicht angebaut werden durfte, wurde dieses Verbot in den meisten Ländern gekippt, und mit den Anbauflächen wächst die Nutzung der robusten Pflanze, vor allem derjenigen Arten, die wenig der berauschenden Inhaltsstoffe enthalten (siehe Box «Geschichte der Hanfnutzung: Genutzt, verteufelt und wiederentdeckt»).

«Vertrauenskrise» in der Dämmstoffindustrie?

In der Baubranche wird Hanf in erster Linie als Dämmstoff für Dächer und Aussenwände von Gebäuden eingesetzt, sei es in Form von Matten und Rollen, die in Fassadensystemen als Füllung dienen, sei es in loser Form als Stopf- und Schüttgut für weitere Arten der Dämmung. Die Hanffaser wird dabei meistens mit anderen Materialien kombiniert, etwa mit Kunststofffasern, um die Stabilität zu erhöhen, oder mit anderen Naturfasern. Letzteres zur Veränderung der Wärmeleitfähigkeit des Dämmstoffes (siehe Box «Dämmstoffe aus Hanf»).

Nachwachsende Rohmaterialien wie Hanf können eine Antwort sein auf die «Vertrauenskrise», welche gemäss dem deutschen Baubiologen Stefan König über die Dämmstoffindustrie hereingebrochen ist. So kursieren in den Medien immer wieder Schreckensmeldungen darüber, was hinter der Fassade verbaut wird. So stehen gewisse mineralische Wollen im Verdacht, wegen winziger Partikel Krebs auszulösen. Styroporplatten können, je nach Alter und Herkunft, mit dem Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) behandelt sein, das seit 2014 verboten ist.

Diese Platten müssen heute teuer als Sondermüll entsorgt werden, damit das HBCD nicht ins Grundwasser sickern kann. In einem Fachartikel stellt König deshalb einen «bedenklichen Wandel vom Dämmwahn hin zur Dämmverweigerung fest», was natürlich nicht sinnvoll ist.

Problem Entflammbarkeit

Vor diesem Hintergrund rücken nachwachsende Naturfasern als Dämmstoff wieder in den Vordergrund, sei dies Jute, Stroh oder eben Hanf. Der Einsatz dieser natürlichen Rohstoffe ist allerdings mit Nachteilen verbunden. Unbehandelt sind sie relativ schnell entflammbar. Früher hat man den Hanffasern Borsalze beigegeben, um den Flammpunkt zu senken, doch diese Borverbindungen schädigen Gewässer.

Heute kann mit ökologisch unbedenklichen Soda-Salzen, die sogar als Lebensmittel zugelassen sind, das Problem gelöst werden: Sämtliche Hanf-Dämmstoffe erfüllen die Norm SN EN-13501-1. Weitere mögliche Minuspunkte hängen mit dem Umstand zusammen, dass Hanf zwar für Innen- oder Zwischensparrendämmungen sehr gut geeignet ist, eine Perimeterdämmung mit dem Material gemäss Experte König aber nicht realisierbar ist.

Ein weiteres mögliches Problem für Bauherren ist der höhere Preis dieses Dämmstoffes. Dieser aber wird auf lange Sicht durch die vielen positiven Eigenschaften mehr als aufgewertet, und angesichts des Runs zu natürlichen Baustoffen dürften auch die Preise für Hanfdämmungen in absehbarer Zeit sinken, zumal der Ausgangsstoff günstig und dessen Anbau mit einigermassen geringem Aufwand möglich ist. (...)

Geschichte der Hanfnutzung: Genutzt, verteufelt und wiederentdeckt

Mit Hanf kehrt eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit zurück, nachdem sie als gefährliche Droge verunglimpft worden war. Denn bevor in den USA im Verlaufe der 1930er-Jahre der Propaganda-Feldzug gegen die Nutzpflanze begann, war Hanf Jahrtausende lang allgegenwärtig. So hiess es in einem Schweizer landwirtschaftlichen Jahrbuch aus dem Jahr 1924: «Hanf ist ein Natur- und Agrarprodukt, nützlich für Handel und Gewerbe, dient als Rohstoff der Industrie und als geschätztes Heil- und Lebensmittel der Landesbevölkerung.»

Schnelles Wachstum

Tatsächlich versorgte Hanf die Menschen mit Kleidern, Papier, Öl, Brennstoff, Nahrung, Baumaterial und wirksamen Arzneien. Die Hanfpflanze wächst sehr schnell, innerhalb von vier Monaten kann sie eine Höhe von vier Metern erreichen, was den Vorteil hat, dass sich kein Unkraut bilden kann und keine Pflanzenschutzmittel versprüht werden müssen. Gemessen an der Biomasse bindet keine andere Kulturpflanze so viel Kohlendioxid.

Unterschiedliche Sorten

Der Nutz- oder Industriehanf besteht aus sehr widerstandsfähigen, reissfesten Fasern, die zudem immun gegen Schimmelpilz oder andere Schädlinge sind, sodass keine chemische Behandlung nötig ist. Zudem gibt es Hanfarten, die den Wirkstoff Tetrahydrocannabinol enthalten, der eine berauschende und beruhigende Wirkung hat, aber auch für medizinische Zwecke verwendet werden kann. Dieser Hanf wird «Marihuana» genannt. Sei es als Rohstoff, als Genussmittel oder im medizinischen Bereich, die Hanfpflanze war im täglichen Gebrauch.

In den USA wurde dann aber ein beispielloser Feldzug losgetreten, mit grossen Pharmafirmen, der Alkohollobby und Holzproduzenten im Hintergrund. Ihren Profiten stand die günstige und vielseitige Pflanze schon lange im Weg. Der Erfolg der Kampagne war durchschlagend: Den USA folgend, verboten bald alle Länder der Welt den Hanfanbau teilweise oder komplett, und setzten Cannabis auf die Liste der gefährlichen Drogen. Eine Einstellung, die in weiten Teilen Europas und der Welt noch heute vorherrscht und sich mit dem Ruf der «Einstiegsdroge» hartnäckig hält.

Doch ausgerechnet in den USA erfolgt nun ein Umdenken. Bereits haben mehrere Bundesstaaten den Konsum der einst für gefährlich erklärten Droge kontrolliert legalisiert, ohne dass gesundheitliche oder soziale Probleme entstanden. Mit Uruguay hat in Südamerika bereits ein erstes Land die Legalisierung des Hanfs realisiert.

Anbau wieder legal

In Europa ist der Konsum noch immer weitgehend verboten, doch die zivile Nutzung der Hanfpflanze ist wieder auf dem Vormarsch. Auch in der Schweiz ist der Anbau von Industriehanf wieder erlaubt. Der Rohstoff für die verbauten Hanfdämmstoffe stammt jedoch in der Regel aus Deutschland, wo seit 1996 rauscharme Hanfsorten wieder kultiviert werden dürfen. (bk)

Hanfernte in Alabama (USA)
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Hempfoods Australia

Hanfernte in Alabama (USA) mit dem Mähdrehscher TX 66 aus dem Hause New Holland, wie er zwischen 1996 und 2003 produziert wurde.

Dämmstoffe aus Hanf

Für die Dämmung von Gebäuden genutzt werden in erster Linie die Fasern der Hanfpflanze, die sich in der äusseren Rinde befinden. Da jeweils einige Fasern mit einer Art Kitt zu Bündeln verklebt sind, muss diese Bindung erst durch das Rösten der Pflanze aufgelöst werden. Die Gewinnung der Fasern erfolgt anschliessend mechanisch, ebenso die weitere Verarbeitung, in deren Verlauf bis zu 97 Prozent der Pflanze verwertet werden können.

Soda als Brandschutz

Konkret verfilzt man die Fasern zu Matten oder Rollen, wobei der Rohstoff Hanf entweder pur oder unter Beigabe weiterer Fasern und Materialien verarbeitet wird. Auf diese Weise kann man durch Verwendung von ein paar Prozent einer Kunstfaser die Stabilität erhöhen. Weitere natürliche Fasern wie Schafwolle oder Jute verbessern darüber hinaus die Wärmeleitfähigkeit des Materials. Eine Imprägnierung mit Soda sorgt schliesslich für einen effektiven Brandschutz.

Neben Rollen und Matten werden seltener auch ungebundene Hanffasern als Einblasdämmung verwendet. Stopfhanf und Hanfgarn sind zur Fugenabdichtung geeignet, das so genannte Hanfstroh für Schüttungen. Generell eignet sich die Hanfdämmung für jeden Einsatzbereich, seien es Dächer, Wände oder Böden, in Neu- oder Altbauten. Der Dämmwert beträgt 0,04 bis 0,045 Watt pro Meter und Kelvin. Um eine Dämmung von 0,25 Watt pro Meter und Kelvin zu erreichen, wie sie für ein sparsames Gebäude etwa anzustreben ist, braucht es somit eine 16 Zentimeter dicke Dämmung. Damit kann Hanf mit dem weit verbreiteten Styropor mithalten.

Frei von Chemikalien

Die grossen Vorteile des Materials liegen in seiner Natürlichkeit. Da beim Anbau der Pflanze und bei der Weiterverarbeitung keine Chemikalien nötig sind, bereitet auch der Einbau keine Probleme bezüglich Hautverträglichkeit, Juckreiz oder Staub. Da die Hanffaser zudem keine Aminosäuren enthält, haben die Käfer und Motten nichts zu beissen: Ein Insektenschutz ist nicht nötig. Ein hoher Anteil an Bitterstoffen hält ausserdem auch gefrässige Nager fern.
Die Natürlichkeit verhilft der Hanffaser auch ganz am Ende zu einem letzten Argument: Beim Rückbau eines Gebäudes kann das Dämm-Material kompostiert und damit auf einfache Art und Weise den natürlichen Kreisläufen wieder zugeführt werden. (bk)

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Freier Journalist, Zürich