Container bieten viele Möglichkeiten

Container bieten viele Möglichkeiten

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Container-City: Eine temporäre Wohnsiedlung an der Aargauerstrasse in Zürich (Bild: Michael Hunziker)

Am Rand von Zürich-West steht an der Aargauerstrasse ein bunter Wohnkomplex. Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es sich um Container handelt, die aufeinandergestapelt und miteinander verbunden sind. Kinder spielen im Hof unter einer Birke, aus den Küchenfenstern dampft Essensgeruch. Frauen in farbigen Gewändern gehen umher und Männer telefonieren in verschiedenen Sprachen. Die temporäre Wohnsiedlung ist ein Asylzentrum, innert kurzer Zeit erstellt, um den kommunalen Bedarf an Asylunterkünften zu decken. «Als wir das ehemalige Hotel Atlantis in Zürich als Standort für rund 250 Asylsuchende aufgeben mussten, suchten wir nach neuen Wohnmöglichkeiten. In kurzer Zeit musste eine Alternative her», sagt Thomas Kunz, Direktor der Asylorganisation Zürich (AOZ). Eine schwierige Aufgabe in einer Stadt wie Zürich, die nur wenig bezahlbaren Wohnraum vorweisen kann. Im Übrigen drängte die Zeit.

Wohnraum auf die Schnelle
Die AOZ liess in der Folge an den zwei Standorten Leutschenbach und Aargauerstrasse temporäre Wohnsiedlungen aus Containern bauen. Nach rund zwei Monaten waren die Komplexe einzugsfertig. Zusammen bieten sie Platz für 254 Personen. «Etwas anderes als Containerbauten wäre aus Zeit- und Mobilitätsgründen gar nicht möglich gewesen», sagt Kunz. Die Fläche in Leutschenbach soll als längerfristiges Provisorium während drei bis fünf Jahren in Betrieb sein. «Danach gehen wir davon aus, die Siedlung an einem anderen Standort wieder aufzubauen. Kalkuliert ist, dass wir zwei Drittel der gesamten Bauinvestition weiter verwenden können.» Die Modularität der Containerkonstruktion ist ein zusätzlicher Vorteil: Elemente können beinahe beliebig angebaut werden, die Siedlung lässt sich auch verkleinern oder anders arrangieren. Neben den Faktoren Mobilität, Modularität und Zeit, die alle für Containerbauten sprechen, sieht es beim Preis etwas anders aus: «Weil Baucontainer alle Bauauflagen erfüllen müssen, ist diese Lösung nicht etwa billiger als günstiger Wohnraum – den es auf dem Wohnungsmarkt oder im städtischen Bestand zu der Zeit aber ohnehin nicht gab», sagt Kunz. Je länger die AOZ ihre Container amortisieren kann, desto günstiger werden sie natürlich im Vergleich zu Mietwohnungen.
Die Wohnsiedlung an der Aargauerstrasse soll sogar acht bis zehn Jahre an diesem Standort bleiben. Im Moment wohnen 90 Personen in der Siedlung,  ausgelegt ist sie für 140. Der Haupttrakt besteht aus 70 mobilen Raummodulen, welche in zwölf Wohneinheiten gegliedert sind. Jede Wohneinheit enthält vier bis fünf Wohnmodule sowie eine Küche und eine Sanitäranlage, die sich zwei Familien respektive eine Wohngemeinschaft von acht bis zehn Personen teilen.
In der Küche eines Wohnmoduls steht eine Wäschekorb, bis oben gefüllt mit exotischen Früchten. Auf dem Herd köchelt ein Currygericht. «Die Einkaufsmöglichkeiten hier sind 15 Minuten zu Fuss entfernt», klagt eine Frau aus Somalia. Ansonsten sei sie aber zufrieden mit der Infrastruktur der temporären Wohnsiedlung. Auch die Lärmdämmung sei nicht schlecht, sagt sie. Ein nicht unwesentlicher Punkt bei der hohen Anzahl der Bewohner. «Die Aargauerstrasse ist noch etwas abgelegen, doch in ein paar Jahren wird hier eine Tramlinie verkehren und die umliegende Zone wird sich weiter entwickeln», sagt Kunz. In ein paar Monaten will er zusammen mit den Architekten vom NRS-Team, welche die Bauten geplant haben, eine Evaluation in Auftrag geben. Damit soll die  Lebensqualität der neuartigen Wohnform untersucht werden, um zukünftige Siedlungen allenfalls zu verbessern.

Kreativität statt Brache
Auch das sogenannte Basislager Binz an der Zürcher Räffelstrasse ist eine Containersiedlung. Sie steht auf einer Industriebrache, auf welcher die Swiss Life schon bald ein Verwaltungsgebäude errichten will. In den 135 Containern, die zu vier mehrgeschossigen Gebäuden gestapelt wurden, haben ungefähr 200 Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich ihre Ateliers bezogen. Das Basislager wurde ebenfalls vom NRS-Team geplant und umgesetzt und gilt als konzeptueller Vorgänger der temporären Wohnanlagen für Asylsuchende. «Unser Ziel war es, kleinstrukturierte Räume anzubieten, mit kostengünstiger Miete in einem Umfeld von Gleichgesinnten. Das Atelierprojekt soll mit dem neu geschaffenen Raumangebot einen Beitrag zur Entfaltung und Vernetzung der Kunst- und Kulturschaffenden leisten», sagt Peter Pfister vom NRS-Team. Für die Bauherrin Swiss Life überbrücke die Vermietung der Ateliers die Vakanz auf dem Grundstück und stärke hinsichtlich der geplanten Überbauung mit der positiven Ausstrahlung die Identität des Ortes.
Das NRS-Team lässt die Container für seine Projekte von der Firma Alho AG vorfertigen. Zum grossen Teil handelt es sich um Baucontainer mit einer Fläche von 25 Quadratmetern, aber auch Schiffscontainer wurden für die Ateliersiedlung verwendet. Die ganze Siedlung kann innert wenigen Tagen aufgestellt respektive abgebaut werden, ohne das ursprüngliche Grundstück zu belasten. Die Bauprofile für das Bauvorhaben der Swiss Life stehen schon um die Ateliersiedlung herum und bald müssen die Container weichen. Sie anderswo wieder aufzubauen, ist ein Leichtes. Schwieriger gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Ort, und die Verantwortlichen haben bisher noch  keinen definitiven Platz gefunden.
Bei der Standortförderung des Kanton Zürich ist man überzeugt, dass die Umgebung durch Siedlungen wie das Basislager Binz belebt und aufgewertet werden kann: «Das Projekt stiess bei den Kreativwirtschaftern auf grosses Echo und hat innert kurzer Zeit über die Landesgrenzen hinaus Ausstrahlung entfaltet», sagt Anita Martinecz vom Standortmarketing des Kanton Zürich. «Man könnte fast von einer Leuchtturmfunktion für den Kreativwirtschaftsstandort Zürich sprechen».

Schiffscontainer als Vorbild
Die Wohncontainer stammen von einem berühmten Vorfahren ab: Der Schiffscontainer hat den Seefrachttransport revolutioniert. 1956 vom  amerikanischen Reeder Malcom McLean erfunden, ist die unscheinbare Metallbox längst zum Sinnbild des weltweiten Handels und der Globalisierung geworden. Seit 1996 verdoppelte sich auf den Weltmeeren die Anzahl der Containerschiffe und der Containermarkt wächst dreimal schneller als die Weltwirtschaft. Im Jahre 2005 waren weltweit circa 20 Millionen Container auf 200 Millionen Fahrten unterwegs. Manchmal sieht man nun auf dem Festland gestrandete Container, umfunktioniert zu Kindergärten oder Büros. Mehrheitlich werden aber Wohncontainer eingesetzt. Sie besitzen zwar andere Masse als die Schiffscontainer, doch die Arretierung an den vier Ecken der Bodenplatte ist dieselbe wie beim seetüchtigen Vorbild.