Auf den Punkt gebracht

Auf den Punkt gebracht

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Von Katrin Ambühl

Das Werk der Vermesser ist verborgen. Nur wenn man genau hinschaut, erkennt man einen Stein, einen Bolzen, ein Kreuz oder eine rote Markierung. Es sind Fixpunkte, die die Koordinatenreferenzen für Karten und Pläne des Grundbuchs liefern. Besser sichtbar sind die Bauvisiere, kurz Profile genannt, die hoch in den Himmel ­ragen, wo gebaut werden soll. Manchmal begegnet man den Geomatikern «im Feld», wie es im Fachjargon heisst. Sie tragen orange Sicherheitswesten und sind meist zu zweit unterwegs. So auch in Uetikon, wo der Geomatiktechniker Marco Ziltener und die Lernende Ursina Pünter an der Arbeit sind. Hier wurde ein neuer Verkehrskreisel gebaut. Im ­Vorfeld des Bauprojekts mussten die ­Vermessungsfachleute Grundlagendaten für die Projektierung liefern. Durch den Bau haben sich gewisse Grenzpunkte ­verschoben, teilweise mussten Grundstückflächen zugunsten des Strassenbaus abgetreten werden.

Der Kreisel steht nun, und der Geomatiktechniker und die Lehrfrau stecken die neuen Grenzpunkte für die Vermarkung mit Grenzbolzen und -steinen ab. Der Geomatiktechniker blickt auf den Mutationsplan und durch das Fernrohr des Tachymeters, das Winkel und Distanzen zu den Objekten misst. Zunächst wird das Gerät ­anhand von mindestens drei Fixpunkten orientiert. Damit kann die Lage millimetergenau ­bestimmt werden. Die eigentliche Absteckung der neuen Grenzpunkte erfolgt durch die zweite Person, in diesem Fall Ursina ­Pünter. Mit einem Reflektor ausgestattet und mit Hilfe des Tachymeters identifiziert sie nach Anweisung des Operateurs die vorberechnete Stelle und setzt dort eine Markierung mit Pinsel und ­roter Farbe. Hier wird später ein Stein, ein Bolzen oder ein Kreuz die Grenze angeben.

Höhenkurven und Höhenflüge

Rund ein Drittel der Arbeitszeit verbringen die Vermessungsspezialisten im Feld, der Rest ist Büroarbeit, sagt Ziltener. Er und seine Kollegin sind zwei von 33 Mitarbeitenden von ­«Osterwalder, Lehmann – Ingenieure und Geometer AG» in ­Männedorf und Thalwil. Das Büro besteht seit 50 Jahren und arbeitet in den Bereichen Vermessung, Geoinformatik, Planung, Baupolizei und Tiefbau. Das Tätigkeitsfeld reicht vom ­Abstecken von Bauvisieren, Gelände- und Volumenberechnungen, Erstellung von Höhenkurven über die Berechnung von Nutzungsziffern oder Schattenwürfen bis hin zu hochauflösenden und präzisen Luftaufnahmen. Die verzerrungsfreien und massstabsgetreuen Luftbilder sind eine ideale Grundlage für die Erfassung und Visualisierung von ­Katastern aller Art. Sie können beispielsweise in den Bereichen Raumplanung, Natur- und Landschaftsplanung, Wasserbau sowie Ver- und Entsorgung gute Dienste leisten.

Auch der Armee liefern die Geomatiker wichtige Daten. «Die Vermessung spielte für das Militär seit jeher eine wichtige Rolle», sagt Stefan ­Osterwalder, Mitinhaber der Osterwalder, ­Lehmann AG. «Schon die Römer haben kartiert, um Grenzen festzulegen und Stellungen zu ­sichern», so der Kulturingenieur. In der Schweiz nahm die amtliche Vermessung im 18. Jahrhundert ihre Anfänge und ist heute ein tragender Pfeiler unseres Rechtssystems.

Das Büro Osterwalder, Lehmann arbeitet auch für die amtliche Vermessung. Sie ist das Instru­ment zur Umsetzung der Eigentumsgarantie nach Bundesverfassung und erfolgt in Zusammenarbeit mit den Grundbuchämtern, Kantonen und privaten Vermessungsbüros. Während beim Amt auf Bundesebene nur gerade 30 und auf kantonaler 240 Personen arbeiten, sind es bei den ­privaten Vermessungsbüros 2800 Fachleute, die die Arbeiten für die amtliche Vermessung ausführen. Unvermessene Zonen gibt es in der Schweiz nur noch wenige, aber zahlreiche Mutationen aufgrund von Bauprojekten, Landverkäufen, Umzonungen und so weiter.

Präzision dank Hightech

Jede Gemeinde hat nur einen Geometer, der die amtlichen Mutationen am Bestand vornimmt. «Eine durchschnittliche Gemeinde hat etwa 1000 Lagefixpunkte oder mindestens alle 150 Meter einen», sagt Osterwalder, der patentierter Geometer ist. Ein solches Patent braucht es, um überhaupt ­Arbeiten der amtlichen Vermessung ausführen zu dürfen. Und natürlich braucht es die richtigen ­Geräte. Das Wichtigste sind die Tachymeter, die heute wahre Hightech-Geräte sind. «Die Messsensoren können Winkel und Distanzen messen, auch berührungslos über mehrere hundert ­Meter», erläutert Osterwalder. «Sie können sich anhand von Satelliten orientieren und lassen sich fernsteuern.» Das Ingenieur-Geometerbüro hat sechs Tachymeter, jedes ist mehr als 100 000 Franken wert.

Unbezahlbar sind schliesslich die Computerprogramme, die die riesigen Datenmengen der Geomatiker verarbeiten, verwalten und lagern. Stefan Osterwalder erläutert auf dem Bildschirm, was möglich ist: Ein Plan hat verschiedene Ebenen, die nach Bedarf aktiviert werden können. So können Leitungskataster, Abstandslinien, Fluchtwege, Verkehrspläne oder das Luftbild sichtbar gemacht werden. Diese sogenannten GIS (Geo-Informations-Systeme) sind für die ­Kunden via Internet abrufbar. Eine ­heterogene Kundschaft, zu der zum ­Beispiel die Feuerwehr, Gemeinden, ­Architekten oder auch Golfplatz­besitzer gehören.

Software statt Tusche

Ein Geomatiker, der vor 50 Jahren den Plan der Gemeinde Hirzel mit Tusche gezeichnet hatte, hätte sich nicht im Traum vorstellen können, wie vielschichtig die Arbeit der Vermessung dank Software heute dargestellt werden kann. Einige solche alten Pläne lagern im Keller des Männedorfer Geometerbüros. Sie wirken wie Kunstwerke. Dabei ging es auch schon damals nur um eines: Land und Siedlungsgebiete darzustellen, präzis, Punkt für Punkt.

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