Der Sturm Lothar hat vor zehn Jahren nicht nur Millionen von Bäumen entwurzelt und geknickt, sondern auch viel Bewegung in die Schweizer Forst- und Holzwirtschaft gebracht. Für die Strukturentwicklung in der Branche war er in vielerlei Hinsicht auch ein positives Ereignis, wie Urs Amstutz, der Direktor des Verbandes Waldwirtschaft Schweiz, im Gespräch mit dem «kommunalmagazin» darlegt.
Interview: Robert Stadler
Wie haben Sie den 26. Dezember 1999 erlebt?
Urs Amstutz: Ich war mit meiner Frau in der Franche Comté im französischen Jura. Das Gebiet wurde vom Sturm ähnlich stark heimgesucht wie das Schweizer Mittelland. Während Stunden waren wir von jeglicher Kommunikation abgeschnitten. Nicht nur das Festnetz, auch das Handy funktionierte nicht mehr. Überall lagen Bäume, und viele Strassen waren blockiert. Wir waren ziemlich isoliert.
Hatten Sie einen solchen Orkan zuvor schon einmal erlebt?
Nicht in dieser Stärke und keinen mit solch gewaltiger Zerstörungskraft! Ich habe mich damals natürlich sofort an den Sturm Vivian erinnert, der knapp zehn Jahre vorher gewütet hatte, obwohl sich die beiden Ereignisse nur bedingt vergleichen lassen. Bei Vivian lag der Schadenschwerpunkt im Voralpen- und Alpengebiet, bei Lothar im Mittelland und Jura. Anders auch der Zeitpunkt: Bei Vivian war die Schlagsaison schon fast beendet, bei Lothar steckten wir noch mitten drin. Und anders als bei Vivian war bei Lothar die wichtige Infrastruktur im Mittelland stark betroffen. Die Autobahn A1, viele andere Strassen und auch verschiedene Bahnlinien waren unterbrochen.
Es musste schnell gehandelt werden.
Ja. Für die Forstbetriebe war das allerdings nicht so einfach. Wegen der Ferien waren die zentralen Stellen nicht oder nur teilweise besetzt. Zuerst mussten ja aber ohnehin andere Katastrophenorganisationen, etwa die Feuerwehr und die Polizei, Erste Hilfe leisten. Mit Verzögerung waren dann auch die Forstorgane gefordert. Mein Stellvertreter richtete sofort ein Nottelefon ein, um die vielen Anfragen zu beantworten. Als wertvolle Hilfe erwies sich das «Waldschadenhandbuch», das aufgrund der Erfahrungen nach dem Sturm Vivian entstanden war. In diesem Nachschlagewerk finden sich viele Antworten auf Fragen zur Katastrophenbewältigung, zur Sturmholzaufrüstung und dem damit verbundenen Gefahrenpotenzial.
In dieser ersten Phase passieren wohl auch die meisten Unfälle?
Ja. Das Gefahrenpotenzial im Wald ist nach einem solchen Ereignis noch höher als sonst schon. So kam es auch nach Lothar leider zu mehreren bedauerlichen Todesfällen und zu schweren Verletzungen. Besonders viele Unfälle ereigneten sich im Privatwald. Das hing zum einen damit zusammen, dass ein grosser Anteil der Sturmschäden auf Privatwälder entfiel und deren Besitzer in der Sturmholzaufrüstung oft keine Erfahrung hatten. Viele unterschätzten das Gefahrenrisiko, etwa bei Bäumen, die unter Spannung standen oder ineinander verkeilt waren. Unser Verband bot zur Bewältigung der Sturmholzaufarbeitung Kurzinstruktionskurse an; diese haben zweifellos manchen weiteren Unfall verhindert.
War die Forstwirtschaft damals genügend auf ein so grosses Schadensereignis vorbereitet?
Grundsätzlich ja. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass jedes Schadensereignis wieder anders ist. Die Erfahrungen, die wir nach Vivian gesammelt hatten und die damals getroffenen Massnahmen konnten nicht einfach 1:1 auf Lothar übertragen werden. Auch bei einem künftigen Sturm wird man wieder situationsgerecht und nicht nur nach Schema F reagieren können.
Manche sagen, Lothar sei aus ökologischer Sicht keine Katastrophe gewesen, im Gegenteil, der Sturm habe eine naturnähere Waldwirtschaft gefördert. Teilen Sie diese Ansicht?
Lothar wurde damals als Katastrophe empfunden, nicht nur, weil viele Tote und Verletzte zu beklagen waren, sondern auch in Bezug auf den Wald selbst. Letzteres hat sich inzwischen etwas relativiert, so wie sich Schadenereignisse im Wald – wo man in langen Zeiträumen zu denken gewohnt ist – immer relativieren. Lothar verursachte eine Zwangsnutzung in der Grössenordnung des Dreifachen einer durchschnittlichen Jahresnutzung. Bezogen auf den gesamten Holzvorrat in den Schweizer Wäldern handelte es sich dabei aber nur um einige wenige Prozent. Heute lässt sich sagen, dass Lothar ökologisch durchaus positive Effekte hatte. Der Sturm hatte die nicht standortgerechten Nadelwaldgesellschaften am stärksten getroffen. Die damals zerstörten Flächen sind inzwischen durch standortgerechtere Laubwaldgesellschaften ersetzt worden. Lothar hat also zur Verjüngung und zu einer besseren Baumartenmischung des Waldes beigetragen. Für einen nachhaltigen Waldaufbau war Lothar über einen längeren Zeitraum betrachtet also durchaus ein positives Ereignis. Er brachte mehr Licht in den Wald und er verbesserte die Altersstruktur des Waldbestandes.
Ein grosser Teil des Sturmholzes blieb im Wald liegen. Weshalb?
Es gibt dafür mehrere Gründe. In einer solchen Ausnahmesituation konzentriert man sich vorerst auf das Holz, das sich am leichtesten vermarkten lässt, also auf die besten Qualitäten. Weil nach Lothar derart viel Holz anfiel, reichten die forstlichen Kapazitäten ohnehin nicht aus, um das gesamte Volumen innert nützlicher Frist aufzurüsten. Je länger aber das Holz liegen bleibt, desto mehr verblaut es oder wird von Insekten befallen. Sein Wert sinkt dadurch stetig, bis die Aufarbeitungskosten höher sind als der Erlös. Aber auch aus ökologischen Gründen und zu Forschungszwecken blieb ein Teil des Holzes im Wald liegen.
Was wird auf solchen Flächen geforscht?
Man möchte mehr darüber erfahren, wie sich der Wald ohne menschliche Eingriffe entwickelt. Das verfaulende Holz ist ein ideales Keimbeet für junge Waldbäume. Nicht aufgeräumte Waldflächen sind anderseits aber auch ein Gefahrenpotenzial, weil sie Brutstätten für Borkenkäfer darstellen, brandgefährdet sind und auch die Bewirtschaftung erschweren.
Wie hat sich der Borkenkäfer nach Lothar entwickelt?
Je nach klimatischen Bedingungen setzt der Borkenkäferbefall am liegenden Holz nach ein bis drei Jahren ein. Das war auch nach Lothar so. Der sehr trockene Sommer 2003 begünstigte den Insektenbefall zusätzlich – mit gravierenden Konsequenzen: Durch den Borkenkäferbefall fiel nahezu die gleiche Holz-Zwangsnutzungsmenge an wie durch Lothar selbst. Im Jahre 2003 erreichten die Zwangsnutzungen denn auch ihre Spitze.
Wie stark behindert das herumliegende Sturmholz die Bewirtschaftung der Wälder?
Bis die Bäume ganz verrottet sind, dauert es bis zu 15 Jahre. Dadurch werden die Pflegeaufwendungen erschwert, was die Kosten erhöht. Wie hoch sie effektiv sind, lässt sich kaum zuverlässig ermitteln.
Was waren die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen von Lothar?
Sie waren gravierend. Vor dem Sturm hatten wir eine gute Holzmarktlage mit lebhafter Nachfrage und guten Preisen. Die riesige Sturmholzmenge liess die Preise und damit die Kostendeckung aber sofort einbrechen – dies für mehrere Jahre. In der Zwischenzeit haben sie sich wieder erholt. Wir sind jetzt wieder etwa auf dem Stand vor Lothar.
Wie wurden die mangelnden Erträge aufgefangen?
Der Bund half mit verschiedenen Massnahmen, etwa mit der Kostenübernahme für die Wiederbegrünung der zerstörten Waldbestände und für die Bildung von Rundholz-Nasslagern, Letzteres eine Massnahme, um den Markt nicht noch stärker als nötig mit Holz zu überschwemmen. Die Kapazität der Nasslager war allerdings beschränkt. Nur etwa eine halbe Million der insgesamt etwa 13 Millionen Kubikmeter Sturmholz wurden auf Nasslagern deponiert.
Welche Lehren hat die Schweizer Waldwirtschaft aus Lothar gezogen?
Zunächst: Bei einem solchen Ereignis werden einige an sich banale Regeln immer wieder missachtet, vor allem in Bezug auf das Marktverhalten. Jeder möchte sein Sturmholz als Erster absetzen. In der Realität führt dies aber dazu, dass sehr viele Anbieter zum gleichen Zeitpunkt auf den Markt kommen. Das lässt die Preise zusammenkrachen. Eine andere Erfahrung zeigt, dass das Schadenausmass, das heisst, das erwartete Mehrangebot, zunächst immer stark überschätzt wird. Das drückt den Preis zusätzlich. Jeder schaut eben nur für sich. In der Schweiz mit seinen föderalistischen Strukturen und dem stark zersplitterten Waldbesitz ist ein koordiniertes Vorgehen eben sehr schwierig. Da sind Länder mit einer zentralistischeren Forstorganisation in einem gewissen Vorteil. Vielleicht sollte man sich in der Schweiz überlegen, bei einem nächsten solchen Grossereignis für eine gewisse Zeit per Notrecht zu operieren; damit liessen sich meiner Meinung nach erhebliche Kosten sparen. Politisch dürfte ein solcher Schritt allerdings schwierig sein. Wahrscheinlich kommt es bei einem nächsten Sturm also wohl wieder zu einer ähnlichen Situation wie nach Lothar.
Glauben Sie, dass der Preiszusammenbruch die vermehrte Verwendung von Holz gefördert hat?
Das ist wahrscheinlich, lässt sich aber wohl nicht leicht belegen. Tatsache ist, dass die Betroffenheit in der Bevölkerung nach Lothar sehr gross war. Auch war die Forst- und Holzwirtschaft in den Jahren nach Lothar stark in den Medien präsent. Das hat das Verständnis für die Branche, den Wald und das Holz zusätzlich positiv beeinflusst und eine gewisse Sensibilisierung ausgelöst. Das war sicher auch ein positiver Effekt von Lothar.
Gab es noch andere?
Mit der Aufrüstung des Sturmholzes ging ein Technologieschub einher. Die grossen Forstbetriebe und insbesondere Forstunternehmer investierten in neue zusätzliche Techniken, um ihre Kapazitäten zu erhöhen. Das war schon bei Vivian so gewesen und bestätigte sich nun bei Lothar. Der Mechanisierungsgrad nahm zu. Auch werden seit Lothar vermehrt Forstarbeiten an Spezialunternehmen ausgelagert. Daneben lassen sich Verschiebungen auch auf der Abnehmerseite beobachten. Nach dem Sturm traten auf dem Schweizer Markt vor allem ostösterreichische Grossbetriebe aus Kärnten und der Steiermark in Erscheinung. Diese Gebiete waren von Lothar wenig betroffen und hatten damals Versorgungsprobleme. In der Folge richteten die Österreicher ihren Blick ganz allgemein vermehrt auf die Branchensituation in unserm Land. Sie lancierten Grosssägerei-Projekte, die unsere klein- bis mittelbetrieblich strukturierte Holzindustrie gehörig durcheinanderwirbelte. Früher war die Schweiz ein wichtiger Rundholzexporteur. Seit der Inbetriebnahme eines neuen Grosssägewerks in Domat-Ems ging der Rundholzexport stark zurück, dafür nahm der Schnittholzexport zu. Auch der Energieholzverbrauch hat in den letzten zehn Jahren stark zugelegt. Einzig der Industrieholzverbrauch nahm ab, weil einige wichtige Abnehmer – unter ihnen beispielsweise die Zellulosefabrik in Attisholz – vom Markt verschwunden sind.
Hatte Lothar Auswirkungen auf die Ausbildung der Forstwarte?
Ja, vor allem im Bereich der Sicherheit. Hier wurden die Unfallverhütungsanstrengungen nochmals verstärkt. Dass die getroffenen Massnahmen greifen, lässt sich aus der Entwicklung der Unfallzahlen belegen. Nach wie vor ist die Arbeit in der Forstwirtschaft aber mit einem vergleichsweise hohen Unfallrisiko verbunden. Ein Restrisiko liegt in der Natur dieser Tätigkeit und lässt sich leider kaum je aus der Welt schaffen.
Lothar ist Geschichte. Wo drückt der Schuh die Schweizer Forstwirtschaft heute?
Die Forst- und Holzwirtschaft wird seit einigen Jahren vermehrt aus dem Blickwinkel der drängenden Ressourcen- und Energieproblematik betrachtet. Wir beobachten dabei zwei sich widersprechende Strömungen: Auf der einen Seite wird eine vermehrte Holznutzung gefordert, um den Anteil an eigenen Rohstoffen und Energieträgern zu erhöhen, anderseits stösst in der Öffentlichkeit jeder grössere Holzschlag postwendend auf Kritik. Für die Forstbetriebe ist das ein schwieriger Spagat. Mit unserer Kampagne «Unser Wald. Nutzen für Alle» versuchen wir aufzuzeigen, dass Holzprodukte aus gefällten Bäumen entstehen.