Donnerstag, 9. September 2010  Aktuelles Heft * Brenzlige Elektro-Einsätze  | anmelden
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 Brenzlige Elektro-Einsätze minimieren

Mit der Liberalisierung  des Strommarktes hat sich für die Feuerwehren einiges verändert. Die Elektrokorps wurden aufgelöst, die Spezialaufgaben sollen von den regulären Feuerwehrangehörigen übernommen werden. Welche Folgen dies für die Ausbildung und die Einsätze hat, erläutert Rolf Oster, Sicherheitsingenieur EgV bei der Fachorganisation Electrosuisse.

Interview: Michael Staub

kommumalmagazin: Was ist die grösste Gefahr bei brennenden Elektroinstallationen?
Rolf Oster: Die Gefährdung der Person durch elektrischen Schlag. In der Regel wird mit Wasser gelöscht, entsprechend gross ist das Risiko einer Ableitung. Der materielle Schaden ist eher sekundär.

km: Manche Brände werden mit CO2 bekämpft, das den elektrischen Strom nicht leitet. Weshalb  werden nicht alle Elektrobrände damit gelöscht?
Oster: Als Löschmittel ist CO2 tatsächlich sehr effektiv, weil es dem Brandherd den Sauerstoff entzieht. Weil es leicht flüchtig ist, können wir es aber nur in geschlossenen Räumen einsetzen. Unter freiem Himmel reicht ein Windstoss, damit neuer Sauerstoff herangelangt und der Brand sofort wieder aufflammt.

km: Bei welchen Objekten wird es heikel?
Oster: Industrieanlagen sind heute relativ sicher. Auch die Trafostationen der Elektrizitätswerke sind heute separat oder in gesicherten Zellen untergebracht. Schwierig wird es, wenn diese Trafostationen in Gebäuden sind, etwa bei Rechenzentren oder energieintensiven Produktionsanlagen. Wenn der Brandherd neben einer solchen Anlage liegt, kann die Evakuation schwierig werden. Brände an elektrischen Anlagen führen zudem immer zu einem Lieferengpass.

km: Muss heute jeder Feuerwehrangehörige ein Elektro-Spezialist sein?
Oster: Im Prinzip nicht, doch es läuft praktisch darauf hinaus. Die Elektrokorps gibt es nicht mehr, deshalb sollte jeder die nötigen Fachkenntnisse besitzen und diese auch anwenden können.

km: Was ist das Hauptziel der Elektro-Ausbildung in der Feuerwehr?
Oster: Die Feuerwehrangehörigen sollen im Ereignisfall selbstständig reagieren können. Dazu müssen sie die Gefährdungen durch die Elektrizität richtig einschätzen können. Das bedingt theoretisches wie praktisches Wissen über den Umgang mit Elektrizität. Sehr wichtig sind  auch gute Kenntnisse von Gebäuden und  Anlagen sowie die persönlichen und organisatorischen Schutzmassnahmen.

km: Ein Feuerwehrkorps kann unmöglich alle Objekte kennen, die es möglicherweise löschen muss. Wie können sich die Feuerwehrangehörigen trotzdem die nötigen Kenntnisse aneignen?
Oster: Für grössere Objekte gibt es Einsatz- und Situationspläne, die vom Gebäudebesitzer geliefert werden. Darauf sind Schaltschränke, Verteiler und andere elektrische Anlagen bezeichnet. Wie detailliert und wie vollständig diese Unterlagen sind, hängt aber stark vom Betreiber dieser Anlagen ab.

km: Es gibt also keine Richtlinien, die eine genaue Dokumentation vorschreiben?
Oster: Diese Richtlinien gibt es, sie variieren aber von Kanton zu Kanton. Gemäss der Starkstromverordnung hat der Gebäudebesitzer Pläne über die elektrischen Anlagen zu erstellen.

km: Mit der Neuorganisation der Feuerwehren wurden die früheren Feuerwehr-Elektrokorps aufgelöst. Welche Folgen hat dies für die Feuerwehrarbeit?
Oster: Mit den Elektrokorps ist bei den Feuerwehren ein Stück weit auch das Bewusstsein für die Elektrizität und ihre Gefahren verschwunden. Nach wie vor wird aber ein Viertel aller Brandunfälle durch fehlerhafte Elektroinstallationen oder mangelhafte Kontrollen dieser Installationen verursacht.

km: Weshalb kommt es zu diesen Fehlern?
Oster: Durch den wirtschaftlichen Druck sinken die Preise, aber auch  die Qualität der Arbeit. Mit der Strommarktliberalisierung ist ein Wechsel in der Kontrolle der elektrischen Anlagen umgesetzt worden. Früher mussten die Installationen vom Elektrizitätswerk abgenommen werden. Heute ist der Betreiber oder Hausbesitzer selbst für die Sicherheit verantwortlich. Deshalb leiden auch die Kontrollen unter dem wirtschaftlichem Druck. Die Elektrizitätswerkse kontrollieren gemäss ihrem neuen Auftrag nur noch stichprobenweise die Sicherheitsnachweise.

km: Wie hat sich die Ausbildung verändert?
Oster: Vor der Liberalisierung konnten Elektroeinsätze in den Zivilschutzzentren geübt werden, etwa in Andelfingen oder Bern. Die Finanzierung wurde zum grossen Teilen über den Zivilschutz abgegolten. Die Kurse waren dadurch erschwinglich. Seit der Liberalisierung werden den Gemeinden aber alle Leistungen individuell verrechnet, und die Zivilschutzzentren müssen rentieren. Die Ausbildungen sind dadurch wesentlich teuer geworden. Es liegt auf der Hand, dass manche Gemeinde auf diese Kurse verzichtet, weil sie sich die Ausgaben nicht mehr leisten kann oder will.

km: Damit liegt die Ausbildungsverantwortung für Elektro-Einsätze direkt bei den Feuerwehrkorps. Welche Nachteile können dadurch entstehen?
Oster: Wenn die Elektrizität nicht mehr als gesondertes Gebiet behandelt wird, sondern eines von vielen Übungsthemen ist, leidet natürlich die Tiefe. Um mit den elektrischen Gefährdungen umgehen zu können, ist eine solide Ausbildung notwendig. Das gilt nicht nur für die Theorie, sondern auch für die Praxis. Es wäre angezeigt, vier bis sechs Übungen pro Jahr nur zum Thema Elektrizität zu machen, wie dies in den bisherigen Richtlinien vorgesehen ist.

km: Können normale Feuerwehrsoldaten einfach so zu Elektro-Spezialisten ausgebildet werden?
Oster: Wir haben im Moment keine andere Wahl, denn es wird immer schwieriger, Spezialisten zu gewinnen. Ein Problem ist sicherlich, dass die Elektrizität keine sichtbare Gefahr ist. Elektrofachleute haben sich an diese Gefährdung gewöhnt, Laien müssen sie sich immer wieder in Erinnerung rufen.

km: Gibt es für diese Ausbildung auch nationale Richtlinien? Oder wird die Umsetzung den Gemeinden überlassen?
Oster: Im Prinzip kann jede Gemeinde selbst bestimmen, wie intensiv und umfassend sie die Elektro-Ausbildung gestalten will. Sie muss sich lediglich an das kantonale Feuerwehrreglement halten. Der Kanton kann bestimmen, wie sehr einzelne Aspekte in der Ausbildung gewichtet werden.

km: Dann gibt es keine nationale Regelung, obwohl die Gefahren in allen Kantonen die selben sind?
Oster: Der Kanton kann sich an das Reglement des schweizerischen Feuerwehrverbandes halten – aber nur, wenn er dies will. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn die kantonalen Reglemente harmonisiert würden.

 

Der Hintergrund
Moderne Elektroinstallationen sind um ein Vielfaches leistungsfähiger als frühere Anlagen. Oftmals fliessen in ihnen Ströme von mehr als 1 000 Ampère, was eine erhebliche Gefährdung darstellt. Eigentlich verlangt dieser Umstand nach speziell ausgebildeten Feuerwehrsoldaten. Paradoxerweise sind aber die früheren Elektrokorps in den meisten Feuerwehren aufgelöst werden.
Grund dafür ist neben der Strommarktliberalisierung eine geringere Gewichtung der Gefahren durch den elektrischen Strom. In praktisch allen Feuerwehren müssen deshalb auch die Löscharbeiten an elektrischen Anlagen von den regulären Feuerwehrangehörigen ausgeführt werden.
Das «kommunalmagazin» befragte zu diesem Thema Rolf Oster, Chef Elektro der Feuerwehr Stein am Rhein und beim Fachverband Electrosuisse seit 1996 für die Umsetzung des Sicherheitskonzepts  zuständig.