Der Minergie-Standard boomt, auch im Bereich der öffentlichen Bauten. Angesichts der Diskussion über eine mögliche Pandemie stellt sich aber die Frage, ob durch die Lüftungen Krankheiten verbreitet werden könnten.
Von Susanna Vanek
Die beiden Zürcher Stadträte Kathrin Martelli und Gerold Lau-ber strahlten um die Wette, als sie am 20. August die sanierte Schulanlage Milchbuck, die neu den Minergie-Standard erfüllt, einweihten. Die Zahlen, die sie den Anwesenden mitteilen konnten, waren schliesslich beeindruckend. 47 000 Liter Heizöl würden durch die energetischen Optimierungen eingespart, weil eine Holzpelletheizung die alte Ölheizung ersetze. Damit könne der CO2-Ausstoss um 250 Tonnen pro Jahr reduziert werden. Obwohl sich die Angst vor der Schweinegrippe gerade auf dem Höhepunkt befand und Schülerinnen und Schüler landauf landab angehalten wurden, sich laufend die Hände zu waschen, war die Pandemie bei der Einweihung kein Thema. Und das, obwohl das Schulhaus – wie im Minergie-Standard üblich – über eine Lüftungsanlage verfügt.
Die Übertragung von Viren durch zirkulierende Luft von Lüftungsanlagen ist ein bislang noch ungelöstes Problem. Denn es ist nicht nur Sauerstoff, der durch die Räume umgewälzt wird, in der Zuluft enthalten sind auch Staub, Bakterien, Pilze oder Viren. Sind die Viren aufgrund ihrer nur unter dem Elektronenmikroskop sichtbaren Grösse nicht geradezu dazu prädestiniert, über Lüftungsanlagen auf den Menschen übertragen zu werden?
Der Virologe Werner Wunderli vom Universitätsspital Genf möchte das nicht ausschliessen. «Es ist bekannt», sagt er, «dass zum Beispiel die Tuberkulose via Lüftungen übertragen werden kann. Ob das Gleiche für die Schweinegrippe gilt, weiss man nicht, weil dazu keine abschliessende Studie existiert. Es gibt aber Daten, die zeigen, dass eine Übertragung über eine Lüftungsanlage möglich ist. Die Frage ist, ob in einem solchen Fall die Menge der zirkulierenden Viren für eine Ansteckung genügen würde oder nicht. Man weiss allerdings, dass in Flugzeugen eine Ansteckung über Luftströmung erfolgen kann. Ob das gleiche auch für Gebäude gilt, müsste untersucht werden, denn es ist noch unklar, wie stabil der Erreger unter diesen Bedingungen ist.» Wunderli: «Es gibt Filter, die Viren
herausfiltern können. Sie sind aber so dicht, dass die Luft mit viel Energie durch sie hindurchgepresst werden muss. Dies stellt in einem energieeffizienten Gebäude einen Verlust dar.»
Für Heinrich Huber, Bereichsleiter Gebäudetechnik bei Minergie, spricht dieses Argument nicht gegen Minergie und die Komfortlüftung. «In einem öffentlichen Gebäude, in dem sich viele Personen aufhalten, erfolgt so oder so eine Ansteckung, ausser bei einer Operationslüftung», sagt er, «via Niesen und weil es Luftbewegungen gibt.»
Wie in den 70er-Jahren?
Doch auch ohne Schweinegrippe und Pandemie soll die Lüftung beim Minergie-Standard ein Problem darstellen. Die Hygiene spielt bei Lüftungsanlagen schliesslich eine grosse Rolle, schlecht gewartete Anlagen sind eine wahre Bakterienschleuder. Das ist schon länger bekannt. Ab den 1970er-Jahren machte, ausgehend von den USA, der Terminus «sick building syndrom» die Runde. Bei den Krankheitsfällen, die sich bei den Bewohnern gewisser Häuser manifestierten, spielten auch Lüftungsanlagen eine Rolle. Das Problem, so stellten Fachleute fest, trat in Fällen auf, in denen die Luft mehrmals verwendet wurde – und genau das ist bei Minergie der Fall. Genau darum zeigt die Studie «Luftqualität in Wohnbauten mit tiefem Energieverbrauch» der Zürcher Beratungsfirma Bau- und Umweltchemie und der Hochschule Luzern Schwächen bei Komfortlüftungssystemen auf.
Bei verschiedenen Einfamilienhäusern – sie waren es, die untersucht wurden, nicht Schulen – war die Luftaustauschrate zu gering und die Systeme waren schlecht eingestellt. «Schadstoffe konnten sich dadurch im Hausinnern anreichern», so Projektleiter Reto Coutalides von der Firma Bau- und Umweltchemie. Die Planer gehen heute von 0,3 Luftwechseln pro Stunde in einem Raum aus, das heisst ein Drittel der Innenluft wird stündlich durch Frischluft ersetzt. Dies erwies sich bei einigen untersuchten Wohnhäusern als unzureichend, zumindest während der ersten Monate nach dem Hausbezug. «Bei zu tiefen Luftwechselraten können überall dort Probleme entstehen, wo beim Innenausbau lösemittelhaltige Produkte wie Farbe und Kleber verwendet werden», erläutert Coutalides.
Huber sind andere Studien bekannt, die der Innenluft von Häusern mit Komfortlüftung eine gute Qualität bescheinigen. «Es kommt immer darauf an, was man misst. Gibt es einen CO2-Indikator, dann schneiden wir gut ab.» Gut seien die Komfortlüftungen für Pollenallergiker, weil Pollen von bereits groben Filtern zurückghehalten werden. Sie leiden so weniger und brauchen auch nicht so viele Medikamente, berichtet Huber. «Selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass eine Lüftung nach dem heutigen Regelwerk geplant und erstellt wird, es gibt Hygienerichtlinien. Wer eine Anlage so plant, baut und betreibt, wird mit hygienisch einwandfreier Luft versorgt. Luftqualitätsuntersuchungen in Schulhäusern im Kanton Aargau sowie deutsche Arbeiten bestätigen dies», erläutert Huber.
An und für sich bekannt
Dass die Lüftung bei wärmegedämmten Gebäuden ein Problem für die Gesundheit darstellen könnte, wird schon länger diskutiert. Bereits im Jahr 2002 warnte der Schweizer Architekt und Bauingenieur Paul Bossert in der deutschen Zeitschrift «Bausubstanz»: «Raumlufttechnische Anlagen bilden aber Herde für Bakterien, Legionellen und Schimmelpilze, die Allergien fördern und die Atemwege der Menschen belasten.»
Bossert ist ein klarer Gegner des
Minergie-Standards. Ein Dorn im Auge sind ihm insbesondere Dämmungen mit sorptionsunfähigen Materialien wie Polystyrol oder Dämmstoffen wie Glas- oder Mineralfaser, die nur eine geringe Sorptionsfähigkeit aufweisen. Er erläutert, dass, wenn Fenster und Wände dicht seien, in Innenräumen als Folge von Tätigkeiten wie Duschen, Kochen und anderem die Feuchtigkeit ansteige, wobei Bossert bezweifelt, ob die Lüftungen, die dafür eingesetzt werden, das Problem lösen. Sein Vorwurf: «SIA-Normen wie Brand- und Schallschutz, Feuchtigkeit und sommerlicher Wärmeschutz können nicht mehr eingehalten werden. Aus diesen Gründen wurde auch der über hundert Jahre gültige Grenzwert der relativen Luftfeuchtigkeit in den Wintermonaten von 50 Prozent relative Feuchtigkeit in der SIA-Norm 180 auf rund 65 Prozent relative Feuchtigkeit angehoben» Für Huber, dagegen, steht fest, dass Minergie nicht im Widerspruch zu SIA-Normen steht.
Der Kritiker Bossert ist nicht gegen energieeffizientes Bauen, er ist vielmehr der Ansicht, es werde diesbezüglich falsch gebaut. Schon 1980 schrieb er in der Publikation Bauratgeber: «Es lässt sich mühelos ableiten, dass wir in Wirklichkeit ein Bauproblem und nicht ein Energieproblem haben.» Leider habe sich diesbezüglich nicht viel geändert, findet er. «Da seit über 40 Jahren die Bauforschung im Energiebereich ausblieb, wird es – wenn überhaupt – bestenfalls in 20 bis 30 Jahren möglich sein, einen allgemein gültigen Berechnungsansatz für den Energieverbrauch beheizter Gebäude zu entwickeln. Fakt ist, dass die Grundlagenforschung fehlt», meint er. Er hat am 14. September 2009 die Empa aufgefordert, mit Vertretern des SIA und der ETH eine Konferenz einzuberufen, weil die SIA-Normen 180 und 380/1 «in den Papierkorb gehören». Gian-Luca Bona, Direktor der Empa, und Ralph Eichler, Präsident der ETH, haben dies abgelehnt.
Thomas Müller, Mediensprecher des SIA, möchte die Diskussion um Hygieneprobleme nicht negieren. Er betont aber, dass man den Aspekt energieeffizientes Bauen ganzheitlich ansehen solle. «Es steht klar fest, dass wegen der Klimaprobleme und der vorausgesagten Energiekrise energieeffizientes Bauen wichtig ist. Man muss dabei einfach alle Aspekte anschauen. Vereinzelte Hygieneprobleme oder auch Diskussionen zu Normen, die es immer geben kann, gilt es ernst zu nehmen. Sie sollen aber kein Grund sein, unser Bemühen, Schrittmacher im energieeffizientem Bauen zu sein, zu bremsen.»
Wie wird sich das Klima entwickeln? 15 Experten hatten am 15. September 2007 zu einer Konferenz eingeladen, um Antworten auf diese Frage zu finden. Anwesend war auch Ferdinand Fürst zu Hohenlohe Bartenstein, der Präsident des Deutschen Bundesverbandes für Landschaftsschutz (BLS).
Fazit des Klimagesprächs: Es wird keine Klimaerwärmung geben. «Ideologisch vorgegebene Zielvorstellungen, dass das von Menschen gemachte CO2 Verursacher einer Klimakatastrophe sei, basieren auf unzulänglichen Computermodellen durch Weglassen wichtiger Parameter, einseitigen Interpretationen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ausgrenzen kritischer Wissenschaftler. Sie rechtfertigen nicht Aufwendungen von vielen Milliarden Euro, die der Volkswirtschaft schaden und der Umwelt nicht nützen», heisst es in den Erläuterungen. Und: «Über die Photosynthese ist CO2 trotz des geringen Gehaltes in der Luft ein wesentlicher Baustoff für das Pflanzenwachstum. Deshalb ist CO2 auch kein Schadstoff und verschmutzt die Atmosphäre nicht.
Mehr CO2 und höhere Temperaturen fördern das Pflanzenwachstum und sichern die Ernährung von Mensch und Tier. Warmzeiten sind ein Segen für ehemals mit Eis bedeckte Landflächen wie Grönland und haben schon immer in der Geschichte zu mehr Lebensqualität, technischer und kultureller Entwicklung geführt, wie zum Beispiel in der Römerzeit und im Mittelalter. Kälte während der Völkerwanderungszeit oder kleinen Eiszeit führte zu Hunger und Tod.» Diese Annahmen stützen sich auf die Geschichte, dass etwa die Wikinger in Grönland Weizen anpflanzten (Grönland stammt von «Grünland»), oder auf die Tatsache, dass Hannibal mit Elefanten die Alpen überqueren konnte. Der Architekt und Bauingenieur Paul Bossert zählt zu den Mitunterzeichnern des Manifestes (www.klimamanifest-von-heiligenroth.de).
Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Energie und des Bundesamtes für Umwelt wird es zu einer Klimaerwärmung kommen, dies wird in der Schweiz jährlich Mehrkosten von einer Milliarde Franken verursachen. Erwartet wird, dass der Schaden im Energiebereich am grössten sein wird.